Heiligendamm im Juni 2007: Wer wurde eigentlich demaskiert?

Bild von Hans Kolpak

Man sollte dem anderen die Wahrheit
wie einen Mantel hinhalten,
dass er hineinschlüpfen kann,
und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen
um die Ohren schlagen.

Max Frisch, 1911-1991, schweizer Schriftsteller

Zitat: "Das literarische Werk Max Frischs befasst sich u. a. mit folgenden Überlegungen:

Wie kann der Einzelne Gewissheit über die eigene Identität erlangen? Wie konstruiert der Mensch sich die eigene Biografie (...)? Das Spätwerk 'Der Mensch erscheint im Holozän' untersucht die Rolle des Wissens und des Gedächtnisses für den Menschen: Wie klein ist er mit seinen bescheidenen Erkenntnissen im Verhältnis zur Natur, was bleibt von ihm?

Daneben spielt auch die Zuweisung von Identitäten durch andere eine Rolle. Frisch möchte das Gebot 'Du sollst dir kein Bildnis machen' auf die Beziehung unter Menschen übertragen wissen. Die Stücke 'Don Juan oder die Liebe zur Geometrie und Andorra' befassen sich u.a. mit den Folgen der menschlichen Neigung, sich vom Gegenüber ein Bild zu machen, sie in eine Rolle zu drängen bzw. sich in eine Rolle drängen zu lassen und daran – biologisch oder geistig – zu sterben." Zitatende

"Wer wird eigentlich demaskiert?" fragt der recherchierende Journalist Jost Kaiser:

Zitat: "Da war aber mal wieder ordentlich was demaskiert worden. Nur was? Am Ende natürlich irgendwie gar nichts, aber das war egal. Welche Maske wird den Polzisten vom Gesicht gerissen in Heilgendamm, welche der Bundesrepublik? Gar keine. Die Bundesrepublik ist ein liberaler Rechtsstaat und sie bleibt ein liberaler Rechtsstaat, trotz Zaun. Fast könnte man meinen, die Gipfelgegner hätten es gern anders." Zitatende

Ich gebe zu, fast hat es mich geärgert, viele Millionen Euro für Reisekosten von Vollzugsbeamten, für einen Zaun und für Tausende von Überstunden verpulvert zu sehen.

Doch viel mehr hätte es mich gefreut, hätten all die Krakeeler den Gipfel samt Zaun ignoriert und wären zu Hause geblieben, um Dreck vor der eigenen Türe zu kehren. Klar, das hätte ich nie erfahren, denn wer wirbelt schon viel Staub auf, um eine Schaufel Dreck zu würdigen?

Gerade diese Kleinigkeit jedoch macht ein Volk stark von innen heraus: Den Beamten beim Sondereinsatz weit weg von zu Hause und den Bürger, der sich seine Gedanken um das Theater vor und hinter den Kulissen des Polit-Kabaretts macht.

Deswegen empfinde ich Journalisten wie Jost Kaiser erfrischend, wenn sie etwas recherchieren und reflektieren, statt einfach nur Agenturmeldungen abzupinseln und ihrem Chefredakteur freundlich zuzunicken, der informelle freundliche Hinweise von Gästen auf Cocktail-Partys abarbeitet.

Doch mal ganz unter uns: Welcher Journalist kann sich das leisten? Im wesentlichen spielen alle nur ihre Rolle: Bürger als Krakeeler, Politiker als Kabarettisten und Journalisten als Posaunisten der Medienblaskapelle, um irgendeiner Lobby Rückenwind vorzutäuschen.

Und wenn sie nicht nach Helgoland verbannt sind, dann regieren sie noch heute - die Politiker, meine ich.